35 Jahre Scalettapassritt von Samaden nach Davos
stu - Dieser 2. Oktober 1999 ist ein prächtiger Herbsttag.
Tiefblau wölbt sich der Himmel über das Engadin. Ein paar
zerzauste, rasch von Süd nach Nord ziehende Wolken zeigen eine
kräftige Höhenströmung an. An Schattenhängen liegt bis ins
Tal frischer Schnee, an Sonnenhängen ist er tags zuvor bereits
bis weit hinauf abgeschmolzen. Dort steht das Gras noch in sattem
Grün und auch die Lärchen sind noch kein bisschen gelb
verfärbt für einen Wintereinbruch ist es also definitiv
zu früh....
Es ist 09.30 Uhr. Die Pferde sind gesattelt, der Lunch verpackt.
Noch einmal kontrollieren wir den Halt der Hufeisen und steigen
auf. Wir, das sind Hans Lenz auf King's Baby, Patrizia Meier auf
Romana, Alessia Meerkämper auf Wildriver, Simone Lüscher auf
Natascha, Urs Busch auf Manolito und zu mir gehört Fleurome.
Seit 35 Jahren startet Hans Lenz im Herbst mit einer Gruppe von
Reitern beim Flugplatz Samaden Richtung Scalettapass und Davos.
Mit diesem Ritt wird alljährlich eine Zeit von zwei bis drei
Wochen abgeschlossen, in der Hans Lenz mit einem Teil seiner
Pferde im Engadin weilt und dort wunderschöne Ritte führt.
"So, sind alli fertig? Dänn gömmer grad zu
Zweien.....". Zuerst geht's im Schritt dem Flugplatz
entlang. Bald schon können wir das erste Mal traben.
Stellenweise ist der Boden nass. Die Niederschläge der letzten
Wochen haben manch einen Teich anschwellen und den ufernahen
Bereich überfluten lassen. Während wir vor dem Abreiten die
Temperatur als herbstlich kühl empfunden haben, wird es in der
Windjacke schon bald zu warm. Aber noch bevor der letzte Reiter
sich seiner Windjacke entledigen kann, biegt Hans in einen
Feldweg ein: "Zu Einem e Galöppli!"
Das erste Teilstück unserers Rittes führt uns von Samaden auf
Feldwegen und stückweise über Wiesen via Zuoz und S-chanf nach
Chapella. Die Gangart dem Gelände angepasst kommen wir sechs
zügig voran und erreichen Chapella nach 2 Stunden. Dort
verlassen wir das Haupttal und biegen gegen Nordwesten ins Val
Susauna ein. Mal im Schritt mal im Trab reiten wir der
Naturstrasse entlang durch eine wildromantische Landschaft. Hier
fällt der Bach Vallember stiebend über eine kleine Steilstufe
ab, dort kann er sich im Talboden ausbreiten und sanft die Steine
umspühlen. Die knorrigen Tannen und Lärchen, die den Talboden
und die steilen Talflanken besiedeln, sind gezeichnet von harten
Lebensbedingungen. Immer wieder durchqueren wir
Ablagerungsgebiete von Lawinen, die im letzten Winter etliche
Bäume gefällt haben. Unsere Pferde schnauben und klettern
fleissig. Natascha, die älteste Dame der Runde, schwitzt ganz
schön, kann aber gut mithalten.
Nach einer weiteren Stunde erreichen wir die Alp Funtauna auf
rund 2200 m. Wir sitzen ab, lassen die Pferde grasen und trinken
und verpflegen auch uns. Simone hat sogar ein paar Rüben
mitgenommen, die die Pferde jetzt mit Heisshunger verzehren.
Gerne schlüpfen wir jetzt in unsere Windjacken, um uns vor dem
hier kräftigen Südwind zu schützen. Hier oben sind die Matten
schon verfärbt und die Herbstimmung ist intensiver als unten im
Haupttal. Vor uns liegen bis zum Scalettapass noch 400
Höhenmeter, die wir auf einem schmalen Weg zurücklegen werden.
Stellenweise führt der Pfad durch groben Blockschutt, der von
Reiter und Pferd hohe Konzentration erfordert. Also aufsitzen und
weiter geht's...
Im Zick-Zack gewinnen wir schnell an Höhe. Je weiter hinauf wir
steigen, desto steiniger wird der Weg. Hier und dort gilt es,
einen grösseren Block zu umgehen oder zu überklettern. Dann ist
talseitig wieder ein Stück Weg ausgebrochen, so dass wir uns
ganz bergseits halten müssen. Geschickt setzt Fleurome einen Huf
vor den anderen, seine Aufmerksamkeit ganz auf den Weg gerichtet.
Nur beim Überklettern von grösseren Blöcken kann er sich nicht
entscheiden, ob er zuerst die linke oder rechte Vorhand
gebrauchen soll. So erreichen wir um ca. 14.00 Uhr wohlbehalten
den Scalettapass. Der Wind hat nochmals etwas zugelegt, sodass
wir absitzen und sofort den Abstieg in Angriff nehmen. Auf der
Nordseite des Passes liegt noch etwas Schnee, der uns allerdings
nicht behindert. Vorsichtig führen wir die Pferde hinunter
Richtung Dürrboden.
Hier ist der Weg breiter und besser ausgebaut als auf der
Südseite. Nach einer Stunde Fussmarsch erreichen wir den
Dürrboden. Wir kontrollieren die Hufeisen und die Beine der
Pferde. Natascha und Romana haben kleine Schürfungen
eingefangen. Sonst sind alle wohlauf. Wir sechs strahlen und
freuen uns über die gelungene Überschreitung. Herzlichen Dank
Hans, King's Baby, Romana, Wildriver, Natascha, Manolito und
Fleurome. Wir werden diesen wunderschönen Ritt abschliessen,
indem wir in gut eineinhalb Stunden das Dischma hinaus Richtung
Davos reiten und teils in der Teufi, teils in Davos Platz
verladen und die Pferde per Transporter nach Frauenkirch bringen.
Und während wir noch vom Erlebten schwärmen, stecken die
Nüstern der Pferde bereits wieder im Gras oder
zwischendurch mal in einem Glas Rivella....